in-memoriam


 

 

 

Auf dieser Seite möchte ich kleine Geschichten erzählen, Begegnungen mit meinen Patienten aus der Palliativ-Arbeit die für mich etwas ganz besonderes waren und die zeigen sollen, daß die Arbeit, die Plege und Betreuung von Sterbenden zu dem "Wesentlichen" gehören, was wir Plegende in unserem Beruf "Erleben" dürfen.

In Memoriam

 

Alfonso R.

Herr R. den ich wie fast immer in der Klinik zuerst besuchte war ein von seiner Krankheit, rein äusserlich noch nicht so sehr gezeichneter schmächtiger Sizilianer. Wie so viele totkranke Menschen hatte er noch eine gewisse Hoffnung, daß die Krankheit noch einwenig Zeit lassen würde. Sterben wollte er im Kreise der Familie. Und die betand aus zahlreichen Verwandten die aus allen Himmelsrichtungen angereist kamen, um Herrn R. nocheinmal zu sehen.

Es war in der Wohnung der Familie ein ständiges Kommen und Gehen. Abschied nehmen, wie es in den Mittelmeerländern üblich ist. Er hatte sein Sterben  noch nicht so richtig angenommen und hatte ernorme Ängste bei jeder Veränderungseines körperlichen Zustandes. Schlafen konnte er nicht mehr und lief des Nachts in der Wohnunng umher, voller Unruhe getrieben.

Er hatte den Wunsch, noch einmal in seine Heimat zu reisen sowie zum Grab des umstrittenen, aber von ihm vereherten Heiligen Pater Pio zu pilgern.  

Dies war ihm nicht mehr möglich. Von Tag zu Tag veränderte sich sein Zustand sodaß es unumgänglich war ihn nochmals zu einer Untersuchung ins Krankenhaus zu bringen, wegen all der Ratlosigkeit in der Familie und bei ihm selbst.

An einem der letzten Abende, als ihm alles zuviel geworden war, schrie es aus ihm heraus: "Warum sterbe ich nicht? Alles war still im Raum, der sonst stets laut und voller sizilianischen Temprament der Familienmitglieder geprägt war. Am 4. September starb Herr R. Zuvor hattte ich ihn nocheinmal im Krankenhaus besucht und ich glaube das er mich erkannt hat. Der Allmächtige sei seiner Seele gnädig und öffne ihm die Tore seiner unendlichen Gnade.

 

Sabine G.

Während meiner Altenpflegeausbildung 1983 waren wir befreundet mit Sabine und Ihrer Freundin Helga. Wir haben damals so manche Nacht in den Frankfurter Kneipen und Diskos, oder auf unseren Wohnheimzimmern durchzecht und gefeiert was das Zeug hielt. Es waren wilde Zeiten. Helga brach eines Tages während der Vorlesung zusammen. Angeblich ein Kreislaufkollaps. Ein Kreislaufkollabs ! - Ja auch das.

Aber die Ursache wurde bald zur bedrohlichen Wahrheit einer Drogenkrankheit. Sabine und Helga lebten zusamen in einer Wohnung. Nachdem klar war, daß beide an der selben Sucht litten, versuchten wir den beiden zu helfen in dem wir sie und ihren Hund mit Lebensmitteln versorgten. Was sie alles getan haben um an die Drogen zu kommen haben wir nie erfahren. Der Kontakt riss auch irgendwann ab. Wir wußten nicht wo sie waren. Aus ihrer Wohnung ausgezogen. Irgendwan erfuhren wir das Helga gestorben sei. Wir fanden das Grab auf dem Hauptfriedhof. Was war aus Sabine geworden? Wir wußten es nicht, hatten keinerlei Hinweise bis irgend jemand mir erzählte, das auch Sabine tot sei.

Irgendwann Anfang 2007 rief eine Frau G. mich in meinem damaligen Pflegedienst an. Sie wolle den Pflegedienst wechseln und von mir wissen ob wir bei ihr zuhause die Hauswirtschaft machen könnten. Wir vereinbarten einen Besuchstermin in ihrer Wohnung. Als ich ihr gegenüber saß, wir tranken Kaffee und rauchten dabei, zwei Hunde liefen in der Wohnung herum und wir plauderten, sprachen die benötigten Hilfen für Frau G. ab. Es war ein Gespräch wie zwischen zwei Menschen die sich schon lange kannten. Nun, auf der Rückfahrt geschah es dann. Es schlug in mir ein wie ein Blitz und ich fühlte mich wie elektrisiert, konnte es kaum fassen.

SABINE ?- SABINE? Das Gesicht ja, fast 25 Jahre älter, die Stimme! Ja die Stimme und das Gesicht. Ich war mir plötzlich ganz sicher, das sie unsere totgeglaubte Freundin aus alten Tagen war. Ich fuhr in mein Büro,  rief Sabine gleich an und erzählte ihr von meiner Vermutung. Ja, auch ich kam ihr irgendwie bekannt vor und auch ihr schossen nach meinem Verlassen ihrer Wohnung dieselben Gedanken durch den Kopf. Die totgeglaubte Sabine lebte und fand den Weg auf irgend eine unerklärliche Weise zurück zu mir. Die Freundschaft allerdings hatte sich entfremdet nach all den Jahren, die Zuneigung vieleicht nicht. Am Abend des 5. September 2008 erreichte mich die Nachricht, das Sabine gestorben sei.

 

 

var ver = navigator.appName; if (ver == "Microsoft Internet Explorer") { document.write('Beata D.


Wieder betrat ich ein Krankenzimmer der Klinik und fand im Bett liegend eine von ihrer Krebserkrankung gezeichneten Frau, vor, Beata D.. Ich war gespannt , wie immer wenn ich das erste Gespräch mit einem Menschen führe, dessen Lebenszeit nur nocheng begrenzt ist. Dann aber war nach den ersten Worten zwischen uns beiden klar, daß wir uns mochten. Ein Mitarbeiter der Klinik hatte Beata D. bereits erzählt, daß auch ich Raucher bin. Ihre größte Sorge war, das da einer daher kommt, der ihr das Rauchen als schädlich verkaufen oder gar nicht tollerieren würde. Das Rauchen bleib fast bis zum Ende für sie ein Wohlfühlfaktor der zu hause in Ihrer Wohnung und überall einfach sein mußte.

Sie war seit April 2008 in verschiedenen Krankenhäusern untergebracht und  wahnsinnig aufgeregt vor Freude, daß sie nun endlich nach Hause durfte und dann noch von einem Pfleger betreut wurde, der ihr das Rauchen bestimmt nicht verbieten würde. „Welch eine Freude, daß ich Sie kennen lerne“, sagte sie mir.

Am nächsten Tag wurde Beata D. aus der Klinik entlassen. In der Wohnung angekommen, aber noch nicht so richtig da und überglücklich, wie sie sagte, rauchten wir erst mal eine und tranken Kaffee. „Sie haben ein Wunder für mich vollbracht“, sagte sie zu mir. Kaum das sie mich gestern bei unserem Kennenlernen in der Klinik verlassen haben, hat sich meine Schwester bei mir gemeldet, die ich 40 Jahre nicht mehr gesehen habe. Ja, ein Wunder, anders kann ich es nicht beschreiben und ich fühle das sie etwas damit zu tun haben. Sie wird mich in den nächsten Tagen besuchen. Wie aufgeregt ich bin kann ich Ihnen gar nicht mitteilen“ Sie hatte ein Ereignisreiches Leben hinter sich, wie sie mir erzählte. Viele Hochs und viele Tiefs.

Beata D. Hat das Leben genossen, war in allen Schichten der Gesellschaft zu hause. Da lag auf einem kleinen Tisch'chen ein Brief. „Bitte lesen Sie ihn mir vor, ich schaffe es nicht, bekomme den Sinn der Worte nicht zusammen wenn ich es lesen will.“

Es war ein Liebesbrief von einem Paulchen aus Eschborn, datiert im April 2008! Der Brief war mit keinem Absender oder Telefonnummer versehen. Aber der Brief war überschwänglich, poetisch, aus dem Füllhorn eines liebenden Mannes geschrieben. Beata D. konnte sich nicht erinnern. „Ein Paulchen aus Eschborn? Nein! Ich muss gestehen, daß ich viel, sehr viel, seit der der Chemo vergessen habe. Auch Menschen und Namen. Beide standen wir vor einem Rätsel, daß sich bis heute nicht aufklären ließ.


Wir sind in den drei Wochen, die wir oft dreimal am Tag miteinander verbrachten zu Freunden geworden.

Auch Beata D.'s Schwester und ihr Neffe kamen tatsächlich zu einem kurzen Besuch.

Eines Montagabends kam ich wie gewohnt zu ihr. Sie klage über schwere Atemnot, sie bekäme keine Luft. Daraufhin rief ich die Rettungswache, die Beata D. ins Krankenhaus brachten. Bevor sich die Krankenwagentür schloss, sagte sie zu mir: „Wir sehen uns doch wieder. Oder? „ Ja wir sehen uns, sagte ich.


Am Freitag den 29.08.2008 um 21:00 Uhr starb Beata D. im Krankenhaus.

Nachdem der Stationsarzt mich über ihr Ableben am Telefon informierte, habe ich für ihre Seele eine Kerze auf meine Fensterbank gestellt.

 

 Margret, Sch.

Eigentlich ist es eine lange Geschichte. Die Geschichte zwischen mir und Margret Sch....... Und noch  von ein paar anderen Menschen,die mit ihr im Laufe der letzten vier Jahre tun hatten.

Das Drum-herumge-Gequatschte war aber nie so ihr Ding. Darum beschränke ich mich mich hier auch auf das Wesentliche.

Starrköpfig war Sie, man könnte auch sagen, daß sie immer selbst bestimmte was sie wollte und was sie nicht wollte. Sie war in den Siebzigern und hatte gewiss nicht immer ein leichtes Leben. Sie war mehrmals verheiratet und hatte drei Kinder, von denen eines ab und an Kontakt zu ihr hielt. Das Telefon war Ihr Draht nach aussen. Hier hatte sie den einen oder anderen Kontakt zu anderen älteren Bornheimer Damen mit denen sie sich wechselseitig ihr Leid klagte.

Manchmal rutschte ihr das „Du“ mir gegenüber raus, mit dem sofort nachfolgenden „Entschuldigung“. Ich war in Ihren Augen als Chef des ambulanten Pflegedienste auch ihr Chef. Vielleicht ein Chef den sie sich gerne mal gewünscht hätte. Sie hatte den einen gewissen Respekt vor mir, beinahe wie ihrem verehrten und langjährigen Arzt gegenüber, der sich zu ihrem allergrößten Leidwesen vor Jahren zur Ruhe setzte.. Der muß sie wohl einmal gefragt haben, als sie mal wieder mit dem häufigsten ihrer Worte um sich schmiess- "Nein"- Wer ist hier der Arzt, sie oder ich?"

Dann war da noch Rosemarie!! Rosemarie  machte Besorgung für Margret- ich nenne sie, die ich im Leben immer Frau Schopf nannte deshalb jetzt nach ihrem Tod so, weil sie irgendwo in meinem Herzen ein wenig meine Margret war.

Rosemarie (Name geändert) war so eine manchmal gutherzige, manchmal besoffene, und manchmal leidgeprüfte, meist verbitterte Freundin, die sich um Margret kümmerte. Sie war alles in allem der einzige Mensch, der sich wirklich am meisten um Margret kümmerte. Manchmal wortlos, manchmal nörgelnd, manchmal herrisch im Ton, selten froh gestimmt.

Zu erwähnen ist da noch Leonie. Leonie ist ein junges charmantes Mädchen, das Margret wohl als so was wie eine Ziehtochter für sich angenommen hatte. Als damaliger Gründer und Leiter des ambulanten Pflegediesntes LWP in Bornheim, hatte ich sie engagiert um daß Einkaufen zu gehen, wozu Rosemarie nicht mehr kam oder was ihr schwer fiel.

Als ich von den beiden „Herren“ B. und S.  (mir fällt bei diesen beiden Typen immer "Momo" ein mit mir als "Beppo Straßenkehrer") mit meiner Insolvenz für einen Apfel und ein Ei aufgekauft wurde, weigerten sich die beiden netten und doch sogern seriös auftretenden Herren, an Leonie einen Restlohn von 50 Euro auszuzahlen. Dafür hat das Mädchen gearbeitet!! Solche „Geldgeier“ tummeln sich leider immer mehr in der Frankfurter ambulanten Pflege herum. Als Margret, Sch. noch vor kurzem einige Wochen im Krankenhaus lag, fanden die beiden Herren  B.& S. nicht mal einen kurzen Weg dorthin zum Krankenbesuch. Es war ja kein Cent an Margret mehr zu verdienen.

Als die beiden Herren aber erfuhren, daß Margret wieder zuhause sei und ihnen klar war, daß nun "Kasse"     mit Margret zu machen sei, kamen sie mit einem Kartengruß und einem winzigen Blümchen, nicht ahnend, daß ich bei Margret anwesend war. Die mutigen Männer hatten eine Frau vorgeschickt, die als Scout erkunden sollte, wer die Tür öffnete.Perfide an der Sache war, erwähnenswerterweise noch, daß diese Frau eine ehemalige Mitarbeiterin von mir war, die die beiden seriösen Herren  noch vor einigen Monaten in die Arbeitslosigkeit schicken wollten, was ich als damaliger Pflegedienstleiter verhindert habe. Als Sie mich erblickten, ergriffen  die "mutigen Herren" raschen Birkenstock-Fußes die Flucht.

Aber zurück zu Margret. Sie war eine vom Leben geschlagene Frau. Drei Ehen, drei Kindern. Von den Ehemännern mit anderen Frauen und Männern betrogen. Körperlich hatte sich Margret im Laufe der Jahre kaputt gemacht. Sie wurde fett, frass sich an, was sie an Liebe nicht bekommen konnte in Form von Kalorien und Süßikkeiten, die sie manchmal vor mir verstecken ließ und wurde von Krankheiten gezeichnet, die man sich nur alles erdenken kann.

Doch keiner sollte sich in ihr täuschen. Kaum das die Kollegin gegangen war, die ihr das kümmerliche Blümchen  mit einem Teddybärkärtchen und Genesungswünschen übergeben und vorgelesen  hatte, sagte zu Sie zu mir: "Zeig mir die "Hohe Aufmerksam" von den beiden Herren B. und  S. mal. Sie nahm das Drei Euro-fünfundneunzig teure halb vertroknete Rös'chen im Töpfchen in die Hand, drehte und schaute, schaute und drehte." Hier Herr Paul, ab in den Müll damit!!     

Gib mir das Teddybärkärtchen,                

 

die glauben wohl , das ich schon verblödet bin und mir ein Kinderkärtchen schicken? ´Was meinen Sie Herr Paul? "Tja Frau Schopf!!, sagte ich" Achselzuckend. Dann zerriss Sie eigenhändig die Gesesungswünsche! "Hier wég damit in den Müll, sagte Sie. Die denken wohl, das ich wieder zurück komme für Drei- Euro -fünfundneunzig!! Ins Krankenhaus haben sie sích ja nicht getraut. Die wußten schon warum. Da hätte es sicher unangenehme Fragen gegeben!!

2004 fand sie in ihrem Briefkasten einen Flyer von meinem damaligen Pflegedienst LWP und rief mich an. Wir machten einen Hausbesuchstermin, lernten uns kennen und so wurde Margret meine 2. Patientin. Schnell stellte sich heraus, daß ich für Sie ein Helfer war. Ja, sie war sogar etwas verliebt in mich, was sie unumwunden zugab.

Einen den ich in diesem Nachruf noch erwähnen will und den sie niemals vergessen hat, war mein schöner Krankenpfleger Alexander. Ja, Alexander war so ein richtiger Modell-Typ, dabei als Krankenpfleger hoch professionell und sehr menschlich.

Ein  einschneidendes Erlebnis mit Alexander, war – daß er es tatsächlich wahr gemacht hat und  extra nur für sie ein echtes schwäbisches Menü gekocht hat. Alex war Schwabe. Selbst geschlagene und vom Brett gestrichene Spätzle mit Käse, Prinzessbohnen im Speckmantel und Schweinemedallions. Darüber haben wir wenige Tage vor ihrem Tod noch gesprochen.

Was Alexander betraf, da ging es ihr ähnlich wie mir. Als er ins ferne Ausland ging, hat er sich nicht von ihr verabschiedet. Das schmerzte sie bis zuletzt. Margret hatte eine raue Schale, aber ein weiches Herz.  Zuletzt wollte massiger Körper nicht mehr leben. Und Margret Sch. wollte auch nicht mehr! Margret hatte aufgegeben. Am Samstag, den 5. Juni starb Margret. Nach allem Leid, das sie quälend ertrug, hat sie nun ihren Frieden. Auch dafür hatte sie sich selbst entschieden.

Es gäbe noch soviel zu erzählen über die vier Jahre die wir uns kannten, mochten und stritten, zu ihrem Wohle aus meiner Sicht. Auch bei ihr spielte ich die Rolle des Beppo Straßenkehrer aus Momo: "Besenstrich um Besenstrich komme ich dem Ende der langen Straße näher"!! Und dann hatte ich am Ende doch erreicht, was ihr Dickkopf mir nicht so schnell herausgeben wollte. Wen sie mochte, den liebte sie, wen sie nicht mochte: "Dem zeige ich wo der Maurer das Loch gelassen hat" (Margret Sch.).

ins nichts.

am abgrund stehend,
klippen nah.
meer, soweit das auge reicht.
der himmel, aus wasser.
mit fischen aus wolken.
fliegende nilpferde,
und lehrern die auf bäumen schlafen.
die erde-ein ball aus zuckerwatte.
das schlaraffenland –ein riesen fluss.

am ende der welt.
am ende, meiner welt.


                                                                                                                                                                                               

 

 

Beate M.

Als ich Beate M. zum ersten Mal in der Klinik besuchte, es war ein Frühlingstag und Sie saß draussen auf dem Balkon und rauchte mit einer Freundin eine (Zigarette natürlich) geschah eine Sekunde plötzlicher Vertrautheit.

Sie, die einen unheilbaren Krebs hatte, der auch sicherlich was mit ihrem Rauchen zu tun hatte, wohl aber auch mit Ihrem in vollen Zügen ausgelebten Leben, erkannte in mir und ich in ihr eine binnen Sekunden eine „verwandte Seele“. Sie muss in ihrem Leben vorher wohl immer eine starke Rolle vom Leben geschenkt bekommen haben. Sie war sehr gebildet, links – natürlich politisch- und in ihrer Seele die die Krankheit nicht ganz erreichen konnte, in Wahrheit eine noch sehr gesunde Frau. In Jahren war sie so alt wie ich, - fünfzig.
 
Ich stellte mich ihr vor und wir kamen in’s plaudern. Dabei wirkte sie auf mich vollkommen bewusst und klar in dem was ihr bevorstand, -  der Tod - und sie skizzierte mir sofort die Spielregeln zwischen uns beiden, wenn sie nach Hause kommt.
 
Beate M. wollte Zuhause sterben. „Auf keinen Fall mehr Krankenhaus, auf keinen Fall einen Notarzt. „Können Sie mir das versprechen?“, fragte Sie bestimmend, aufrecht und in Erwartung meiner Reaktion. Meine Antwort war ein einfaches, schlichtes „Ja“!
 
Beate M. wurde Montags aus der Klinik entlassen und ich betreute sie ab da zur Fortführung ihrer Schmerztherapie in Ihrer großen Altbauwohnung in Sachsenhausen. Wir plauderten wenn ich kam zunächst einwenig, tanken Kaffee und rauchten eine zusammen. Nach zwei Tagen waren wir per „Du“.
 
An dem darauf folgenden Freitag war ich wieder bei meinen Vorbereitungen Ihrer Schmerzpumpe, als sie plötzlich zu mir sagte:
 
„Morgen früh will ich einen Brunch machen. Du wirst sehn, ich lade alle meine Freunde ein, wirklich ganz tolle liebe Menschen. Ich hab so richtig Lust sie alle, wenn’s geht, um mich zu haben!! Dich natürlich auch.“
 
Eine ehrenamtliche Helferin kaufte alles was man zu einem guten Brunche braucht.
Samstag,- ich richtete die Merzpumpe, legte sie Beate M. an und wir warteten auf die Gäste. Als erste kam die Ehrenamtlerin mit ihrem 10 j Sohn.. Alles war vorbereitet und für mindestens 10 Leute eingedeckt.. Wir warteten. Als eine Stunde vergangen war, schlug Beate vor, dass wir anfangen sollten zu essen. „Sie werden jeden Moment kommen“, meinte sie.
 
Ich belegte ihr ein Brötchen, Hunger hatte sie in Wirklich keinen. Ich bemerkte, dass sie mehr und mehr in sich zusammensank. „Komm“,- sagte sie zu mir, „wir gehen in’s Wohnzimmer eine rauchen.“ Sie wollte dem 10 j Kind ihren Anblick ersparen.
 
Ich sah ihre Kräfte schwinden und musste sie auf dem Weg in das neben der Küche befindliche Wohnzimmer stützen. Die Zigarette zündete ich ihr an. Sie machte einpaar Züge, dann fiel sie ihr aus der Hand. Es klingelte immer noch nicht. Niemand kam! Niemand, ausser jener tapferen Ehrenamtlerin, für die es das erste Mal war, dass sie eine Sterbende mit begleitete.
 
Dann brach Beate völlig in sich zusammen und ich legte sie in ihrem Schlafzimmer auf ihr Bett, hängte ihr Sauerstoff an und gab ihr noch eine zusätzlich Morphininjektion.
 
Vier Stunden später starb Beate M. Aus Ihrer Abschiedparty wurde nichts mehr, denn die Freunde konnten oder wollten dem Tod nicht begegnen. Die letzte Zigarette, ja die letzte Zigarette habe ich mit Beate geraucht.
 
 
 

Adama Y. (Name geändert) 

Ich betrat ein Krankenzimmer und da saß auf dem Pflegebett, ein unglaublich abgemagerter, dunkelhäutiger junger Mann mit ungepflegten Haaren und einem ungepflegten Bart vor mir. Er konnte mich nur schemenhaft erkennen, weil seine Augen und sein Sehvermögen durch einen Pilzbefall stark eingeschränkt waren.
 
Ich stellte mich ihm vor, als der bereits vom Krankenhaussozialdienst angekündigte ambulante Pflegedienst der ihn die nächste Zeit betreuen sollte. „Nehmen Sie sich doch bitte einen Stuhl“ sagte er, „ und kommen Sie etwas näher heran, damit ich Sie besser erkennen kann. Wir kamen ins Gespräch. Irgendwie war sofort und ohne großes Gelaber Nähe zwischen uns da. Ich kann es mit keinen Worten beschreiben, Nähe- tiefe Nähe. Er war Drogenabhängig und hatte AIDS Stufe C3 und eine offene Schnittwunde am linken Unterschenkel.
 
Adama erzählte mir, das er so gerne in seine Wohnung zurück möchte, man habe ihm jedoch gesagt dass das momentan nicht geht. Ich fragte warum? „Sie is zu dreckisch, da kann keiner mehr hausen“, sagte er zu mir. „Ich soll erstmal in ein Haus von der AIDS-Wohnheim, aber da kann ich auch nur paar Tage bleiben“, sagte er mit in einem leicht gebrochenen aber auch leicht Hessischem Deutsch.
 
Soviel hatte ich auch schon an Information vom Krankenhausozialdienst und überhaupt, ich wusste ja fast alles, was in den Pflege-und Krankenakten über ihn zu lesen war. Ich sagte ihm, dass wir seine Pflege in dem Wohnhaus erstmal fortsetzen und dass ich dafür sorgen würde, dass seine Wohnung so hergerichtet wird, dass er dort wieder wohnen kann. Er gab mir die Schlüssel, ich fuhr hin, öffnete die Tür und fand ein kleines Appartement vor, in der er auf keinen Fall leben und versorgt werden konnte.
 
Adama in Häuslicher Umgebung zu pflegen, war in den Augen vieler derjenigen die ihn seit Jahren unter seinen Drogenexzessen kannten so was wie eine Herausforderung. Hatte er vielen doch immer wieder vieles versprochen, vor allem die Finger von den Drogen zu lassen. Adama aber viel immer wieder um. In mir war auch diese Skepsis und die Frage, was alles wird er tun damit wir ihm was besorgen. Aber ein anderes Gefühl sagte mir, das er die Kraft zu diesem Kampf mit dem Dämon nicht mehr hat. Methadon wird ihn reichen.
 
So bestellte ich eine Putzfirma und ein Mitarbeiter strich die Wohnung, ich bestellte ein Pflegebett und veranlasste mit Adamas Einverständnis, weil er nichts an Nahrung mehr zu sich nehmen könnte und alles auskotzte, dass man ihm eine Perkutane Magensonde legte, mir deren Hilfe wir ihm Flüssigkeit und Flüssignahrung geben könnten.
 
Als Adama nach langer Zeit dann endlich seine kleine Einzimmerwohnung, mit Bad und winziger Einbauküche im Rollstuhl gefahren sah, staunte er nicht schlecht! „Wow geil, wie ein Palast gegen früher, geil!!!“, freute sich Adama.
 
Adama war so geschwächt das er nicht laufen konnte. Daher fuhr ich einmal in der Woche in die Drogenambulanz und holte für sieben Tage seine Tagesration Methadon. Adama rauchte viel, so dass ich immer befürchtete, dass er irgendwann ein Feuer verursachen würde. Grade wenn die Methadonwirkung nachließ, war’s mit ihm und der Raucherei kritisch. Ich traf daher mit ihm die Abmachung, dass er nur dann rauchen solle, wenn jemand von uns oder seine Schwester da waren, die ihn mit uns zusammen betreute. Er hielt sich auch dran!! Irgendwie war da eine tiefe Zuneigung zwischen uns beiden. So war ich zum Beispiel der einzige Mann, der ihm die Genitalien und den Po waschen durfte, obwohl er wusste, dass ich schwul bin.
 
Obwohl mein kleiner schwarzer Knochenmann, wie ich ihn nannte, - er lachte dann immer- im Präfinalstadium war, was wir alle wussten, hatte er seinen eigenen eisernen Willen und wollte auch noch den einen oder anderen kleinen Genus.
 
Er liebte Cappuccino !
 
Ich pflegte meinen kleinen schwarzen Knochenmann, zog ihm frische Klamotten an, setze ihn in den Rollstuhl und wir gingen in das gegenüber liegende Eiscafee, Cappuccino trinken. „Cool, echt cool, dass ich mal wieder rauskomme und mit dir hier sitze wie normal, echt cool !“
 
„Da lass ich nur dich dran!“, sagte er mal zu mir. „Du weißt ja, dass so was bei keinem anderen von uns "Kerlen aus Eritrea" von einem Mann und schon garnicht einem weissen Mann zugelassen würde! Ach Quatsch, eigentlich auch nicht von 'ner Frau. Nur wenn…, Du weißt was ich meine!! Mach ja nur Quatsch, verstehste hoffentlich?"
 
Ich rasierte ihn, wusch ihn, zog ihn an, machte ihm Essen, sorgte dafür dass er sich einigermaßen wohl fühlte, ja!
 
Ja er war so was wie ein Baby, wie ein Kind das in seinem Kurzen Leben alles, aber auch alles falsch gemacht hatte und sich darüber in seinen letzten Lebenstagen auch im Klaren war. Auf seinem Tisch neben seinem Bett lag eine Bibel, die er zwar nicht mehr lesen konnte, „aber weißt Du“, sagte er einmal zu mir, den Glauben an Jesus und den Gott da oben, den hab ich trotz der ganzen Scheiße die ich erlebt hab, nie verloren.
 
 „Du bist mein Engel; Darum lasse ich dich auch dran!!!“, lachte er. Ja, ich durfte dran und mir war klar, dass diese Berührungen von mir, beim waschen, beim lagern, beim Auf- und Umsetzen, beim Rasieren, zärtlich waren und von ihm auch so empfunden wurden.
 
In Wahrheit war Adama ein junger intelligenter musisch begabter Kerl. Irgendwo aus einer schwäbischen Kleinstadt, in der er aufgewachsen war. In Frankfurt geriet Adama an die falschen Leute. Er verlor alles.
 
Eines Nachmittages kam ich zu ihm und Adama war aus dem Bett gefallen. Er war vollkommen desorientiert, hatte alles um sich herum voll gekotzt. Ich brachte ihn in die stabile Seitenlage, rief den Notarzt, die ihn sofort in ein nahe gelegenes Krankenhaus brachten. Beide Sanitäter hatten einwenig Sorge, dass er erneut erbrechen musste und gingen zum eigenen Schutz auf Distanz.
 
Ich sah Adama dann zum letzten Mal, als sich die Tür des Krankenwagens schloss. Und ich muss sagen, dass gab meinem Herzen einen Stich. Immer wieder in letzter Zeit kommt Adama mir in den Sinn. Ja, auf irgendeine mir unerklärliche Art, liebte ich meinen dünnen, schwarzen Knochenmann.
 
Er wurde nach Nachhause überführt und dort im Kreise der Familie, in der Erde aus der er war, beigesetzt.
Nun ruhe in Frieden, mein Freund Adama!!
 
                                                                                                                                               
 
 
 
Ingeborg S.
 
Ich besuchte Sie, wie viele meiner Patienten zuerst in der Klinik. Ihr Sohn war da und es fiel mir auf den ersten Blick und mit den ersten Worten die ich mit ihr sprach nicht auf das sie keine Deutsche war, sondern eine Japanerin mit Deutschem Namen.
 
Sie war ausgesprochen höflich und freundlich zu mir und wir hatten sofort die innere Pipeline, durch die unsere nonverbale Sympathie zu fließen begann. So Recht hatte Sie keine Vorstellung, wie sich das gepflegt und versorgt werden und das Sterben zuhause gestalten würde. Sie war voll im Besitze Ihrer Geistesgegenwart und war sich Ihrer Lage voll bewusst. So war es leicht mit ihr darüber zu sprechen, dass sie gerne zuhause sterben würde. 
 
Der Sohn hatte sich eine Auszeit genommen um während des Sterbeprozesses bei seiner Mutter zu sein und sich um sie zu kümmern, sie zu pflegen und einfach für sie da zu sein. Wie für jeden sterbenden Menschen, bedeutet es eine gewisse Zumutung, dass mehrmals am Tag fremde Menschen in die Privatsphäre eindringen, um die notwendigen Dinge zu tun, die en Verhungern, Verdursten, oder Schmerzen verhindern. Aber das war ihr klar, das dies so sein muss und sie arrangierte sich sehr schnell damit. Auch für mich, waren die Besuche und Tätigkeiten bei ihr immer mit einem gewissen Wohlbefinden verbunden, denn es floss durch die Wohnung von Mutter und Sohn ein ruhiger angenehmer Strom einer spürbaren Harmonie, wie ich es in dieser Form noch nie erlebt hatte.
 
Sie war eine starke, kleine sehr sehr zierliche Frau. Das habe ich dann immer besonders gemerkt, wenn es wieder Zeit war, die Portnadel zu wechseln. Sie war Schmerzempfindlich, aber sie lies es über sich geschehen und murmelte mit geschlossenen Augen und zusammengekniffenen Zähnen für mich nicht verständliche japanische Worte. Dann kehrte diese Ruhe wieder ein und alles war gut. Sie war dankbar, trotz der Schmerzen, die sie manchmal ertragen musste. Irgendwann waren die Schmerzen allein zuhause nicht mehr in den Griff zu bekommen, so dass sie in die Klinik zurückkehrte und dort auch wenige Tage später verstarb.
 
Die anschließende Trauerfeier, an der ich teilnehmen durfte, war so wie sie gelebt hat. Ich war traurig und hätte sie gern einwenig länger kennen lernen dürfen. Das Requiem für Sie war ein würdiger Abschied, den ich nie vergessen werde.
 
                                                                                                                  
 
 
 
 
 
Frau Elisabeth C. T.
 
Ich lernte Frau C.T. bei meinem Erstbesuch in ihrer Wohnung kennen. Von Anfang an erzählte sie mir, dass sie sich in ihrer derzeitigen Situation sehr unwohl fühle. Alleine, immer in der Angst es könne etwas Unvorhersehbares geschehen. Ihre berufstätige Tochter stehe ihr im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr zur Seite.
 
Doch den Krebs, den sie als ständige Bedrohung empfand verunsicherte sie in ihrem täglichen Leben. Sie konnte sich nicht so recht vorstellen, dass zwei-dreimalige Hausbesuche durch unseren Pflegedienst ihr genügend Sicherheit verschaffen würde. Angst vor dem Sterben hatte sie nicht. Auch bei ihr, wie oftmals  bei meinen Palliativpatienten, entstand in wenigen Minuten so etwas wie Vertrauen.
 
Sie erzählte mir, dass sie weit gereist war. Sie lebte mit ihr Tochter für einige Zeit in den USA. Dort war dort mit einen Schamanen aus der Herkunft der First Nations verheiratet. Dieser Mann sei´durch seinen Status ein ungewöhnlich spiritueller Mensch gewesen und sie habe von ihm was Spiritualität und Geisteswahrheit anbelangt, großes gelernt und erfahren.
 
Sie war sehr gläubig, ohne katholisch evangelisch oder sonst einer Religion anzugehören. Im Laufe der Zeit habe sie Kräfte durch ihr „Verstehen“ der Welt und der geistigen Welt Kräfte erhalten. Wir waren uns nach einigen Begegnungen darüber einig, dass sie in einer guten und ihrem Wesen entsprechenden Sterbeeinrichtung besser aufgehoben sei, als den größten Teil des Tages alleine in der Wohnung zu verbringen, die sie auch nicht mehr ohne Hilfe verlassen konnte.
 
So traf sie einige Wochen später die Entscheidung in ein Hospiz zu gehen. Ich besuchte sie dort des Öfteren und wir führten ausführliche Gespräche über die Art und Weise des Sterbens. Sterben in einer würdigen Weise. Es war ihr ein Gedanke im Kopf, den sie mir anvertraute und von dem ausser ihrer Tochter und mir niemand etwas wusste.
 
Sie hatte sich mit dem Gedanken beschäftigt, Kontakt mit der Organisation Dignidas in der Schweiz aufzunehmen, Informationsmaterial hatte sie sich besorgt. An einem Wintertag traf ich mich in der Mittagspause mit Frau C.-T.’s Tochter in einem Cafe. Sie stand ganz klar auf der Seite ihrer Mutter was das Begleiten im Sterbeprozess anbelangte, auch was den Wunsch ihrer Mutter ihrem Leiden ein Selbstbestimmtes schnelles Ende zu bereiten. Und doch fühlte sie sich allein gelassen, diesen für eine Tochter eminent schweren Weg zu gehen und sie dabei bis zum Schluß zu begleiten.
 
Ich sagte Frau C.-T. in allen unseren Gesprächen immer wieder, dass ich ihren Wunsch verstehe und davon überzeugt, dass jeder Mensch das Recht hat, den Augenblick seines Todes selbst zu wählen, besonders dann, wenn man gesundheitliches, nicht mehr behandelbares und nur durch Schmerztherapien verlängertes Leiden beenden kann.  Anderer Seits und darüber sprachen wir auch des Öfteren, ist das Sterben ein Prozeß, dem die gesamte Schöpfung unterliegt. Es unterscheidet ausschließlich der freie Wille!
 
      
 
An einem meiner letzten Besuche bei ihr, sagte sie völlig überraschend zu mir: „Ich sage Ihnen jetzt was, lieber Herr Paul: Sie waren für mich in den wenigen Monaten die wir uns kannten ein Vertrauter. Ich konnte Ihnen mein innerstes Geheimnis anvertrauen. Ich habe vieles Erfahren und vieles Durchleiden müssen. Aber ich trage eine Kraft in mir, die mich das alles ertragen lässt. In dem Moment meines Todes, werde ich Ihnen diese Kraft schenken!“ Vergessen wir uns einander nie!!
 
Ihr könnt genauso gut erwarten, dass die Flüsse rückwärts fließen, als dass ein Mensch, der frei geboren wurde, damit zufrieden ist, eingepfercht zu leben, ohne Freiheit, zu gehen, wohin er beliebt!"
Chief Joseph (Nez Percé),                                                    
 
 
 
 

Herbert W.

(Oder „Das Bildnis des Dorian Gray“)

 
Der Hinweis auf den Roman von Oskar Wilde im Untertitel der Geschichte um Herbert ist zwar möglicherweise etwas weit hergeholt, hat aber Züge der Geschichte um den schönen Dorian.
 
Es geht dabei um einen mir seit vielen Jahren Bekannten der plötzlich und völlig unerwartet an einem äußerst aggressiven Krebs und AIDS erkrankte. Ich hatte zu der Zeit LWP gerade gegründet und Herbert sowie ein ihm sehr nahe stehender Freund baten mich seine Pflege zuhause zu übernehmen.
 
Wir unterhielten uns lange über das was vor uns lag und welche Hilfsmittel wir alles benötigten, damit Herbert ein leidvoller Tod erspart bleiben könne. Herbert war in diesen Fragen zugänglich und wollte nicht, dass sein Sterben müssen, dass inzwischen allen klar war, tabuisiert würde.
 
Wie gesagt hatte ich gerade angefangen mit LWP und eines Tages geschah es, dass ein junger Krankenpfleger zu mir ins Büro kam weil er sich um einen Minijob bewerben wollte. Um „Ja“ zu sagen musste ich nicht lange überlegen. Ich sah diesen jungen Krankenpfleger den ich bezugshalber hier „Dorian“ nennen möchte seine Proffesionalität sofort an, aber ich fühlte auch gleichzeitig, dass dieser Mensch etwas ganz besonderes war.
 
Nach einigen Tagen rief ich Dorian an und sagte ihm das ich ihn gerne einstellen würde. Ich erzählte ihm bei einer Gelegenheit von Herbert und fragte ihn, ob er mir helfen würde, Herbert bis zum Schluss zu pflegen.
 
 
An einem Nachmittag besuchten wir schließlich zusammen Herbert und ich bemerkte sofort wie seine Augen bei Dorians Anblick leuchteten und gleichermaßen sofort eine tiefe Sympathie von Herbert gegenüber Dorian ausging. Vielleicht war es mehr?
 
 
Nicht nur das Dorian dem Romanhelden des Oscar Wilde äußerlich nahe kam, nein er hatte eine Art mit Menschen umzugehen die es jedem leicht machte ihn zu lieben. Seine wertvollsten Eigenschaften waren seine hohe und spürbare Fachlichkeit und sein offenes Herz, dessen man sich kaum entziehen konnte. Gleichwohl hatte dieser „Dorian“ auch eine andere Seite, die die soll hier nicht das Thema sein.
 
Dorian tat Herbert gut. Man spürte das, denn immer wenn er in seiner Nähe war, fühlte sich Herbert ein kleines bisschen besser. Er wusch ihn, er bettete ihn, er lagerte ihn, er machte dann und wann kleine Späße mit ihm und Herbert konnte trotz seines Leidens Lachen!! Ja sie lachten oft miteinander, obwohl es allen anderen herum oft nicht zum Lachen war.
 
 
Ich glaube, Herbert hatte sich in seinem letzten Tagen noch einmal verlieben dürfen! Welch ein wunderbares Geschenk!
 
Dorian und ich sprachen oft darüber und er fand es gut so. Als Herbert starb, war Dorian kurz zuvor bei ihm. Er hielt seine Hände, wischte seine verschwitzte Stirn. Dann gab Dorian ihm einen Kuß auf die Stirn (das tat er übrigens öfters), wobei sich Herbert- wohl in einem für ihn starken Kraftakt- noch einmal zu Dorian aufrichtete und Dorian verabschiedete sich von Herbert. Wenige Stunden später starb Herbert.
 
 m:http://www.beepworld.de/hp/extras/musik/music_01.mid" loop="infinite">'); }else{ document.write('Beata D.


Wieder betrat ich ein Krankenzimmer der Klinik und fand im Bett liegend eine von ihrer Krebserkrankung gezeichneten Frau, vor, Beata D.. Ich war gespannt , wie immer wenn ich das erste Gespräch mit einem Menschen führe, dessen Lebenszeit nur nocheng begrenzt ist. Dann aber war nach den ersten Worten zwischen uns beiden klar, daß wir uns mochten. Ein Mitarbeiter der Klinik hatte Beata D. bereits erzählt, daß auch ich Raucher bin. Ihre größte Sorge war, das da einer daher kommt, der ihr das Rauchen als schädlich verkaufen oder gar nicht tollerieren würde. Das Rauchen bleib fast bis zum Ende für sie ein Wohlfühlfaktor der zu hause in Ihrer Wohnung und überall einfach sein mußte.

Sie war seit April 2008 in verschiedenen Krankenhäusern untergebracht und  wahnsinnig aufgeregt vor Freude, daß sie nun endlich nach Hause durfte und dann noch von einem Pfleger betreut wurde, der ihr das Rauchen bestimmt nicht verbieten würde. „Welch eine Freude, daß ich Sie kennen lerne“, sagte sie mir.

Am nächsten Tag wurde Beata D. aus der Klinik entlassen. In der Wohnung angekommen, aber noch nicht so richtig da und überglücklich, wie sie sagte, rauchten wir erst mal eine und tranken Kaffee. „Sie haben ein Wunder für mich vollbracht“, sagte sie zu mir. Kaum das sie mich gestern bei unserem Kennenlernen in der Klinik verlassen haben, hat sich meine Schwester bei mir gemeldet, die ich 40 Jahre nicht mehr gesehen habe. Ja, ein Wunder, anders kann ich es nicht beschreiben und ich fühle das sie etwas damit zu tun haben. Sie wird mich in den nächsten Tagen besuchen. Wie aufgeregt ich bin kann ich Ihnen gar nicht mitteilen“ Sie hatte ein Ereignisreiches Leben hinter sich, wie sie mir erzählte. Viele Hochs und viele Tiefs.

Beata D. Hat das Leben genossen, war in allen Schichten der Gesellschaft zu hause. Da lag auf einem kleinen Tisch'chen ein Brief. „Bitte lesen Sie ihn mir vor, ich schaffe es nicht, bekomme den Sinn der Worte nicht zusammen wenn ich es lesen will.“

Es war ein Liebesbrief von einem Paulchen aus Eschborn, datiert im April 2008! Der Brief war mit keinem Absender oder Telefonnummer versehen. Aber der Brief war überschwänglich, poetisch, aus dem Füllhorn eines liebenden Mannes geschrieben. Beata D. konnte sich nicht erinnern. „Ein Paulchen aus Eschborn? Nein! Ich muss gestehen, daß ich viel, sehr viel, seit der der Chemo vergessen habe. Auch Menschen und Namen. Beide standen wir vor einem Rätsel, daß sich bis heute nicht aufklären ließ.


Wir sind in den drei Wochen, die wir oft dreimal am Tag miteinander verbrachten zu Freunden geworden.

Auch Beata D.'s Schwester und ihr Neffe kamen tatsächlich zu einem kurzen Besuch.

Eines Montagabends kam ich wie gewohnt zu ihr. Sie klage über schwere Atemnot, sie bekäme keine Luft. Daraufhin rief ich die Rettungswache, die Beata D. ins Krankenhaus brachten. Bevor sich die Krankenwagentür schloss, sagte sie zu mir: „Wir sehen uns doch wieder. Oder? „ Ja wir sehen uns, sagte ich.


Am Freitag den 29.08.2008 um 21:00 Uhr starb Beata D. im Krankenhaus.

Nachdem der Stationsarzt mich über ihr Ableben am Telefon informierte, habe ich für ihre Seele eine Kerze auf meine Fensterbank gestellt.

 

 Margret, Sch.

Eigentlich ist es eine lange Geschichte. Die Geschichte zwischen mir und Margret Sch....... Und noch  von ein paar anderen Menschen,die mit ihr im Laufe der letzten vier Jahre tun hatten.

Das Drum-herumge-Gequatschte war aber nie so ihr Ding. Darum beschränke ich mich mich hier auch auf das Wesentliche.

Starrköpfig war Sie, man könnte auch sagen, daß sie immer selbst bestimmte was sie wollte und was sie nicht wollte. Sie war in den Siebzigern und hatte gewiss nicht immer ein leichtes Leben. Sie war mehrmals verheiratet und hatte drei Kinder, von denen eines ab und an Kontakt zu ihr hielt. Das Telefon war Ihr Draht nach aussen. Hier hatte sie den einen oder anderen Kontakt zu anderen älteren Bornheimer Damen mit denen sie sich wechselseitig ihr Leid klagte.

Manchmal rutschte ihr das „Du“ mir gegenüber raus, mit dem sofort nachfolgenden „Entschuldigung“. Ich war in Ihren Augen als Chef des ambulanten Pflegedienste auch ihr Chef. Vielleicht ein Chef den sie sich gerne mal gewünscht hätte. Sie hatte den einen gewissen Respekt vor mir, beinahe wie ihrem verehrten und langjährigen Arzt gegenüber, der sich zu ihrem allergrößten Leidwesen vor Jahren zur Ruhe setzte.. Der muß sie wohl einmal gefragt haben, als sie mal wieder mit dem häufigsten ihrer Worte um sich schmiess- "Nein"- Wer ist hier der Arzt, sie oder ich?"

Dann war da noch Rosemarie!! Rosemarie  machte Besorgung für Margret- ich nenne sie, die ich im Leben immer Frau Schopf nannte deshalb jetzt nach ihrem Tod so, weil sie irgendwo in meinem Herzen ein wenig meine Margret war.

Rosemarie (Name geändert) war so eine manchmal gutherzige, manchmal besoffene, und manchmal leidgeprüfte, meist verbitterte Freundin, die sich um Margret kümmerte. Sie war alles in allem der einzige Mensch, der sich wirklich am meisten um Margret kümmerte. Manchmal wortlos, manchmal nörgelnd, manchmal herrisch im Ton, selten froh gestimmt.

Zu erwähnen ist da noch Leonie. Leonie ist ein junges charmantes Mädchen, das Margret wohl als so was wie eine Ziehtochter für sich angenommen hatte. Als damaliger Gründer und Leiter des ambulanten Pflegediesntes LWP in Bornheim, hatte ich sie engagiert um daß Einkaufen zu gehen, wozu Rosemarie nicht mehr kam oder was ihr schwer fiel.

Als ich von den beiden „Herren“ B. und S.  (mir fällt bei diesen beiden Typen immer "Momo" ein mit mir als "Beppo Straßenkehrer") mit meiner Insolvenz für einen Apfel und ein Ei aufgekauft wurde, weigerten sich die beiden netten und doch sogern seriös auftretenden Herren, an Leonie einen Restlohn von 50 Euro auszuzahlen. Dafür hat das Mädchen gearbeitet!! Solche „Geldgeier“ tummeln sich leider immer mehr in der Frankfurter ambulanten Pflege herum. Als Margret, Sch. noch vor kurzem einige Wochen im Krankenhaus lag, fanden die beiden Herren  B.& S. nicht mal einen kurzen Weg dorthin zum Krankenbesuch. Es war ja kein Cent an Margret mehr zu verdienen.

Als die beiden Herren aber erfuhren, daß Margret wieder zuhause sei und ihnen klar war, daß nun "Kasse"     mit Margret zu machen sei, kamen sie mit einem Kartengruß und einem winzigen Blümchen, nicht ahnend, daß ich bei Margret anwesend war. Die mutigen Männer hatten eine Frau vorgeschickt, die als Scout erkunden sollte, wer die Tür öffnete.Perfide an der Sache war, erwähnenswerterweise noch, daß diese Frau eine ehemalige Mitarbeiterin von mir war, die die beiden seriösen Herren  noch vor einigen Monaten in die Arbeitslosigkeit schicken wollten, was ich als damaliger Pflegedienstleiter verhindert habe. Als Sie mich erblickten, ergriffen  die "mutigen Herren" raschen Birkenstock-Fußes die Flucht.

Aber zurück zu Margret. Sie war eine vom Leben geschlagene Frau. Drei Ehen, drei Kindern. Von den Ehemännern mit anderen Frauen und Männern betrogen. Körperlich hatte sich Margret im Laufe der Jahre kaputt gemacht. Sie wurde fett, frass sich an, was sie an Liebe nicht bekommen konnte in Form von Kalorien und Süßikkeiten, die sie manchmal vor mir verstecken ließ und wurde von Krankheiten gezeichnet, die man sich nur alles erdenken kann.

Doch keiner sollte sich in ihr täuschen. Kaum das die Kollegin gegangen war, die ihr das kümmerliche Blümchen  mit einem Teddybärkärtchen und Genesungswünschen übergeben und vorgelesen  hatte, sagte zu Sie zu mir: "Zeig mir die "Hohe Aufmerksam" von den beiden Herren B. und  S. mal. Sie nahm das Drei Euro-fünfundneunzig teure halb vertroknete Rös'chen im Töpfchen in die Hand, drehte und schaute, schaute und drehte." Hier Herr Paul, ab in den Müll damit!!     

Gib mir das Teddybärkärtchen,                

 

die glauben wohl , das ich schon verblödet bin und mir ein Kinderkärtchen schicken? ´Was meinen Sie Herr Paul? "Tja Frau Schopf!!, sagte ich" Achselzuckend. Dann zerriss Sie eigenhändig die Gesesungswünsche! "Hier wég damit in den Müll, sagte Sie. Die denken wohl, das ich wieder zurück komme für Drei- Euro -fünfundneunzig!! Ins Krankenhaus haben sie sích ja nicht getraut. Die wußten schon warum. Da hätte es sicher unangenehme Fragen gegeben!!

2004 fand sie in ihrem Briefkasten einen Flyer von meinem damaligen Pflegedienst LWP und rief mich an. Wir machten einen Hausbesuchstermin, lernten uns kennen und so wurde Margret meine 2. Patientin. Schnell stellte sich heraus, daß ich für Sie ein Helfer war. Ja, sie war sogar etwas verliebt in mich, was sie unumwunden zugab.

Einen den ich in diesem Nachruf noch erwähnen will und den sie niemals vergessen hat, war mein schöner Krankenpfleger Alexander. Ja, Alexander war so ein richtiger Modell-Typ, dabei als Krankenpfleger hoch professionell und sehr menschlich.

Ein  einschneidendes Erlebnis mit Alexander, war – daß er es tatsächlich wahr gemacht hat und  extra nur für sie ein echtes schwäbisches Menü gekocht hat. Alex war Schwabe. Selbst geschlagene und vom Brett gestrichene Spätzle mit Käse, Prinzessbohnen im Speckmantel und Schweinemedallions. Darüber haben wir wenige Tage vor ihrem Tod noch gesprochen.

Was Alexander betraf, da ging es ihr ähnlich wie mir. Als er ins ferne Ausland ging, hat er sich nicht von ihr verabschiedet. Das schmerzte sie bis zuletzt. Margret hatte eine raue Schale, aber ein weiches Herz.  Zuletzt wollte massiger Körper nicht mehr leben. Und Margret Sch. wollte auch nicht mehr! Margret hatte aufgegeben. Am Samstag, den 5. Juni starb Margret. Nach allem Leid, das sie quälend ertrug, hat sie nun ihren Frieden. Auch dafür hatte sie sich selbst entschieden.

Es gäbe noch soviel zu erzählen über die vier Jahre die wir uns kannten, mochten und stritten, zu ihrem Wohle aus meiner Sicht. Auch bei ihr spielte ich die Rolle des Beppo Straßenkehrer aus Momo: "Besenstrich um Besenstrich komme ich dem Ende der langen Straße näher"!! Und dann hatte ich am Ende doch erreicht, was ihr Dickkopf mir nicht so schnell herausgeben wollte. Wen sie mochte, den liebte sie, wen sie nicht mochte: "Dem zeige ich wo der Maurer das Loch gelassen hat" (Margret Sch.).

ins nichts.

am abgrund stehend,
klippen nah.
meer, soweit das auge reicht.
der himmel, aus wasser.
mit fischen aus wolken.
fliegende nilpferde,
und lehrern die auf bäumen schlafen.
die erde-ein ball aus zuckerwatte.
das schlaraffenland –ein riesen fluss.

am ende der welt.
am ende, meiner welt.


                                                                                                                                                                                               

 

 

Beate M.

Als ich Beate M. zum ersten Mal in der Klinik besuchte, es war ein Frühlingstag und Sie saß draussen auf dem Balkon und rauchte mit einer Freundin eine (Zigarette natürlich) geschah eine Sekunde plötzlicher Vertrautheit.

Sie, die einen unheilbaren Krebs hatte, der auch sicherlich was mit ihrem Rauchen zu tun hatte, wohl aber auch mit Ihrem in vollen Zügen ausgelebten Leben, erkannte in mir und ich in ihr eine binnen Sekunden eine „verwandte Seele“. Sie muss in ihrem Leben vorher wohl immer eine starke Rolle vom Leben geschenkt bekommen haben. Sie war sehr gebildet, links – natürlich politisch- und in ihrer Seele die die Krankheit nicht ganz erreichen konnte, in Wahrheit eine noch sehr gesunde Frau. In Jahren war sie so alt wie ich, - fünfzig.
 
Ich stellte mich ihr vor und wir kamen in’s plaudern. Dabei wirkte sie auf mich vollkommen bewusst und klar in dem was ihr bevorstand, -  der Tod - und sie skizzierte mir sofort die Spielregeln zwischen uns beiden, wenn sie nach Hause kommt.
 
Beate M. wollte Zuhause sterben. „Auf keinen Fall mehr Krankenhaus, auf keinen Fall einen Notarzt. „Können Sie mir das versprechen?“, fragte Sie bestimmend, aufrecht und in Erwartung meiner Reaktion. Meine Antwort war ein einfaches, schlichtes „Ja“!
 
Beate M. wurde Montags aus der Klinik entlassen und ich betreute sie ab da zur Fortführung ihrer Schmerztherapie in Ihrer großen Altbauwohnung in Sachsenhausen. Wir plauderten wenn ich kam zunächst einwenig, tanken Kaffee und rauchten eine zusammen. Nach zwei Tagen waren wir per „Du“.
 
An dem darauf folgenden Freitag war ich wieder bei meinen Vorbereitungen Ihrer Schmerzpumpe, als sie plötzlich zu mir sagte:
 
„Morgen früh will ich einen Brunch machen. Du wirst sehn, ich lade alle meine Freunde ein, wirklich ganz tolle liebe Menschen. Ich hab so richtig Lust sie alle, wenn’s geht, um mich zu haben!! Dich natürlich auch.“
 
Eine ehrenamtliche Helferin kaufte alles was man zu einem guten Brunche braucht.
Samstag,- ich richtete die Merzpumpe, legte sie Beate M. an und wir warteten auf die Gäste. Als erste kam die Ehrenamtlerin mit ihrem 10 j Sohn.. Alles war vorbereitet und für mindestens 10 Leute eingedeckt.. Wir warteten. Als eine Stunde vergangen war, schlug Beate vor, dass wir anfangen sollten zu essen. „Sie werden jeden Moment kommen“, meinte sie.
 
Ich belegte ihr ein Brötchen, Hunger hatte sie in Wirklich keinen. Ich bemerkte, dass sie mehr und mehr in sich zusammensank. „Komm“,- sagte sie zu mir, „wir gehen in’s Wohnzimmer eine rauchen.“ Sie wollte dem 10 j Kind ihren Anblick ersparen.
 
Ich sah ihre Kräfte schwinden und musste sie auf dem Weg in das neben der Küche befindliche Wohnzimmer stützen. Die Zigarette zündete ich ihr an. Sie machte einpaar Züge, dann fiel sie ihr aus der Hand. Es klingelte immer noch nicht. Niemand kam! Niemand, ausser jener tapferen Ehrenamtlerin, für die es das erste Mal war, dass sie eine Sterbende mit begleitete.
 
Dann brach Beate völlig in sich zusammen und ich legte sie in ihrem Schlafzimmer auf ihr Bett, hängte ihr Sauerstoff an und gab ihr noch eine zusätzlich Morphininjektion.
 
Vier Stunden später starb Beate M. Aus Ihrer Abschiedparty wurde nichts mehr, denn die Freunde konnten oder wollten dem Tod nicht begegnen. Die letzte Zigarette, ja die letzte Zigarette habe ich mit Beate geraucht.
 
 
 

Adama Y. (Name geändert) 

Ich betrat ein Krankenzimmer und da saß auf dem Pflegebett, ein unglaublich abgemagerter, dunkelhäutiger junger Mann mit ungepflegten Haaren und einem ungepflegten Bart vor mir. Er konnte mich nur schemenhaft erkennen, weil seine Augen und sein Sehvermögen durch einen Pilzbefall stark eingeschränkt waren.
 
Ich stellte mich ihm vor, als der bereits vom Krankenhaussozialdienst angekündigte ambulante Pflegedienst der ihn die nächste Zeit betreuen sollte. „Nehmen Sie sich doch bitte einen Stuhl“ sagte er, „ und kommen Sie etwas näher heran, damit ich Sie besser erkennen kann. Wir kamen ins Gespräch. Irgendwie war sofort und ohne großes Gelaber Nähe zwischen uns da. Ich kann es mit keinen Worten beschreiben, Nähe- tiefe Nähe. Er war Drogenabhängig und hatte AIDS Stufe C3 und eine offene Schnittwunde am linken Unterschenkel.
 
Adama erzählte mir, das er so gerne in seine Wohnung zurück möchte, man habe ihm jedoch gesagt dass das momentan nicht geht. Ich fragte warum? „Sie is zu dreckisch, da kann keiner mehr hausen“, sagte er zu mir. „Ich soll erstmal in ein Haus von der AIDS-Wohnheim, aber da kann ich auch nur paar Tage bleiben“, sagte er mit in einem leicht gebrochenen aber auch leicht Hessischem Deutsch.
 
Soviel hatte ich auch schon an Information vom Krankenhausozialdienst und überhaupt, ich wusste ja fast alles, was in den Pflege-und Krankenakten über ihn zu lesen war. Ich sagte ihm, dass wir seine Pflege in dem Wohnhaus erstmal fortsetzen und dass ich dafür sorgen würde, dass seine Wohnung so hergerichtet wird, dass er dort wieder wohnen kann. Er gab mir die Schlüssel, ich fuhr hin, öffnete die Tür und fand ein kleines Appartement vor, in der er auf keinen Fall leben und versorgt werden konnte.
 
Adama in Häuslicher Umgebung zu pflegen, war in den Augen vieler derjenigen die ihn seit Jahren unter seinen Drogenexzessen kannten so was wie eine Herausforderung. Hatte er vielen doch immer wieder vieles versprochen, vor allem die Finger von den Drogen zu lassen. Adama aber viel immer wieder um. In mir war auch diese Skepsis und die Frage, was alles wird er tun damit wir ihm was besorgen. Aber ein anderes Gefühl sagte mir, das er die Kraft zu diesem Kampf mit dem Dämon nicht mehr hat. Methadon wird ihn reichen.
 
So bestellte ich eine Putzfirma und ein Mitarbeiter strich die Wohnung, ich bestellte ein Pflegebett und veranlasste mit Adamas Einverständnis, weil er nichts an Nahrung mehr zu sich nehmen könnte und alles auskotzte, dass man ihm eine Perkutane Magensonde legte, mir deren Hilfe wir ihm Flüssigkeit und Flüssignahrung geben könnten.
 
Als Adama nach langer Zeit dann endlich seine kleine Einzimmerwohnung, mit Bad und winziger Einbauküche im Rollstuhl gefahren sah, staunte er nicht schlecht! „Wow geil, wie ein Palast gegen früher, geil!!!“, freute sich Adama.
 
Adama war so geschwächt das er nicht laufen konnte. Daher fuhr ich einmal in der Woche in die Drogenambulanz und holte für sieben Tage seine Tagesration Methadon. Adama rauchte viel, so dass ich immer befürchtete, dass er irgendwann ein Feuer verursachen würde. Grade wenn die Methadonwirkung nachließ, war’s mit ihm und der Raucherei kritisch. Ich traf daher mit ihm die Abmachung, dass er nur dann rauchen solle, wenn jemand von uns oder seine Schwester da waren, die ihn mit uns zusammen betreute. Er hielt sich auch dran!! Irgendwie war da eine tiefe Zuneigung zwischen uns beiden. So war ich zum Beispiel der einzige Mann, der ihm die Genitalien und den Po waschen durfte, obwohl er wusste, dass ich schwul bin.
 
Obwohl mein kleiner schwarzer Knochenmann, wie ich ihn nannte, - er lachte dann immer- im Präfinalstadium war, was wir alle wussten, hatte er seinen eigenen eisernen Willen und wollte auch noch den einen oder anderen kleinen Genus.
 
Er liebte Cappuccino !
 
Ich pflegte meinen kleinen schwarzen Knochenmann, zog ihm frische Klamotten an, setze ihn in den Rollstuhl und wir gingen in das gegenüber liegende Eiscafee, Cappuccino trinken. „Cool, echt cool, dass ich mal wieder rauskomme und mit dir hier sitze wie normal, echt cool !“
 
„Da lass ich nur dich dran!“, sagte er mal zu mir. „Du weißt ja, dass so was bei keinem anderen von uns "Kerlen aus Eritrea" von einem Mann und schon garnicht einem weissen Mann zugelassen würde! Ach Quatsch, eigentlich auch nicht von 'ner Frau. Nur wenn…, Du weißt was ich meine!! Mach ja nur Quatsch, verstehste hoffentlich?"
 
Ich rasierte ihn, wusch ihn, zog ihn an, machte ihm Essen, sorgte dafür dass er sich einigermaßen wohl fühlte, ja!
 
Ja er war so was wie ein Baby, wie ein Kind das in seinem Kurzen Leben alles, aber auch alles falsch gemacht hatte und sich darüber in seinen letzten Lebenstagen auch im Klaren war. Auf seinem Tisch neben seinem Bett lag eine Bibel, die er zwar nicht mehr lesen konnte, „aber weißt Du“, sagte er einmal zu mir, den Glauben an Jesus und den Gott da oben, den hab ich trotz der ganzen Scheiße die ich erlebt hab, nie verloren.
 
 „Du bist mein Engel; Darum lasse ich dich auch dran!!!“, lachte er. Ja, ich durfte dran und mir war klar, dass diese Berührungen von mir, beim waschen, beim lagern, beim Auf- und Umsetzen, beim Rasieren, zärtlich waren und von ihm auch so empfunden wurden.
 
In Wahrheit war Adama ein junger intelligenter musisch begabter Kerl. Irgendwo aus einer schwäbischen Kleinstadt, in der er aufgewachsen war. In Frankfurt geriet Adama an die falschen Leute. Er verlor alles.
 
Eines Nachmittages kam ich zu ihm und Adama war aus dem Bett gefallen. Er war vollkommen desorientiert, hatte alles um sich herum voll gekotzt. Ich brachte ihn in die stabile Seitenlage, rief den Notarzt, die ihn sofort in ein nahe gelegenes Krankenhaus brachten. Beide Sanitäter hatten einwenig Sorge, dass er erneut erbrechen musste und gingen zum eigenen Schutz auf Distanz.
 
Ich sah Adama dann zum letzten Mal, als sich die Tür des Krankenwagens schloss. Und ich muss sagen, dass gab meinem Herzen einen Stich. Immer wieder in letzter Zeit kommt Adama mir in den Sinn. Ja, auf irgendeine mir unerklärliche Art, liebte ich meinen dünnen, schwarzen Knochenmann.
 
Er wurde nach Nachhause überführt und dort im Kreise der Familie, in der Erde aus der er war, beigesetzt.
Nun ruhe in Frieden, mein Freund Adama!!
 
                                                                                                                                               
 
 
 
Ingeborg S.
 
Ich besuchte Sie, wie viele meiner Patienten zuerst in der Klinik. Ihr Sohn war da und es fiel mir auf den ersten Blick und mit den ersten Worten die ich mit ihr sprach nicht auf das sie keine Deutsche war, sondern eine Japanerin mit Deutschem Namen.
 
Sie war ausgesprochen höflich und freundlich zu mir und wir hatten sofort die innere Pipeline, durch die unsere nonverbale Sympathie zu fließen begann. So Recht hatte Sie keine Vorstellung, wie sich das gepflegt und versorgt werden und das Sterben zuhause gestalten würde. Sie war voll im Besitze Ihrer Geistesgegenwart und war sich Ihrer Lage voll bewusst. So war es leicht mit ihr darüber zu sprechen, dass sie gerne zuhause sterben würde. 
 
Der Sohn hatte sich eine Auszeit genommen um während des Sterbeprozesses bei seiner Mutter zu sein und sich um sie zu kümmern, sie zu pflegen und einfach für sie da zu sein. Wie für jeden sterbenden Menschen, bedeutet es eine gewisse Zumutung, dass mehrmals am Tag fremde Menschen in die Privatsphäre eindringen, um die notwendigen Dinge zu tun, die en Verhungern, Verdursten, oder Schmerzen verhindern. Aber das war ihr klar, das dies so sein muss und sie arrangierte sich sehr schnell damit. Auch für mich, waren die Besuche und Tätigkeiten bei ihr immer mit einem gewissen Wohlbefinden verbunden, denn es floss durch die Wohnung von Mutter und Sohn ein ruhiger angenehmer Strom einer spürbaren Harmonie, wie ich es in dieser Form noch nie erlebt hatte.
 
Sie war eine starke, kleine sehr sehr zierliche Frau. Das habe ich dann immer besonders gemerkt, wenn es wieder Zeit war, die Portnadel zu wechseln. Sie war Schmerzempfindlich, aber sie lies es über sich geschehen und murmelte mit geschlossenen Augen und zusammengekniffenen Zähnen für mich nicht verständliche japanische Worte. Dann kehrte diese Ruhe wieder ein und alles war gut. Sie war dankbar, trotz der Schmerzen, die sie manchmal ertragen musste. Irgendwann waren die Schmerzen allein zuhause nicht mehr in den Griff zu bekommen, so dass sie in die Klinik zurückkehrte und dort auch wenige Tage später verstarb.
 
Die anschließende Trauerfeier, an der ich teilnehmen durfte, war so wie sie gelebt hat. Ich war traurig und hätte sie gern einwenig länger kennen lernen dürfen. Das Requiem für Sie war ein würdiger Abschied, den ich nie vergessen werde.
 
                                                                                                                  
 
 
 
 
 
Frau Elisabeth C. T.
 
Ich lernte Frau C.T. bei meinem Erstbesuch in ihrer Wohnung kennen. Von Anfang an erzählte sie mir, dass sie sich in ihrer derzeitigen Situation sehr unwohl fühle. Alleine, immer in der Angst es könne etwas Unvorhersehbares geschehen. Ihre berufstätige Tochter stehe ihr im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr zur Seite.
 
Doch den Krebs, den sie als ständige Bedrohung empfand verunsicherte sie in ihrem täglichen Leben. Sie konnte sich nicht so recht vorstellen, dass zwei-dreimalige Hausbesuche durch unseren Pflegedienst ihr genügend Sicherheit verschaffen würde. Angst vor dem Sterben hatte sie nicht. Auch bei ihr, wie oftmals  bei meinen Palliativpatienten, entstand in wenigen Minuten so etwas wie Vertrauen.
 
Sie erzählte mir, dass sie weit gereist war. Sie lebte mit ihr Tochter für einige Zeit in den USA. Dort war dort mit einen Schamanen aus der Herkunft der First Nations verheiratet. Dieser Mann sei´durch seinen Status ein ungewöhnlich spiritueller Mensch gewesen und sie habe von ihm was Spiritualität und Geisteswahrheit anbelangt, großes gelernt und erfahren.
 
Sie war sehr gläubig, ohne katholisch evangelisch oder sonst einer Religion anzugehören. Im Laufe der Zeit habe sie Kräfte durch ihr „Verstehen“ der Welt und der geistigen Welt Kräfte erhalten. Wir waren uns nach einigen Begegnungen darüber einig, dass sie in einer guten und ihrem Wesen entsprechenden Sterbeeinrichtung besser aufgehoben sei, als den größten Teil des Tages alleine in der Wohnung zu verbringen, die sie auch nicht mehr ohne Hilfe verlassen konnte.
 
So traf sie einige Wochen später die Entscheidung in ein Hospiz zu gehen. Ich besuchte sie dort des Öfteren und wir führten ausführliche Gespräche über die Art und Weise des Sterbens. Sterben in einer würdigen Weise. Es war ihr ein Gedanke im Kopf, den sie mir anvertraute und von dem ausser ihrer Tochter und mir niemand etwas wusste.
 
Sie hatte sich mit dem Gedanken beschäftigt, Kontakt mit der Organisation Dignidas in der Schweiz aufzunehmen, Informationsmaterial hatte sie sich besorgt. An einem Wintertag traf ich mich in der Mittagspause mit Frau C.-T.’s Tochter in einem Cafe. Sie stand ganz klar auf der Seite ihrer Mutter was das Begleiten im Sterbeprozess anbelangte, auch was den Wunsch ihrer Mutter ihrem Leiden ein Selbstbestimmtes schnelles Ende zu bereiten. Und doch fühlte sie sich allein gelassen, diesen für eine Tochter eminent schweren Weg zu gehen und sie dabei bis zum Schluß zu begleiten.
 
Ich sagte Frau C.-T. in allen unseren Gesprächen immer wieder, dass ich ihren Wunsch verstehe und davon überzeugt, dass jeder Mensch das Recht hat, den Augenblick seines Todes selbst zu wählen, besonders dann, wenn man gesundheitliches, nicht mehr behandelbares und nur durch Schmerztherapien verlängertes Leiden beenden kann.  Anderer Seits und darüber sprachen wir auch des Öfteren, ist das Sterben ein Prozeß, dem die gesamte Schöpfung unterliegt. Es unterscheidet ausschließlich der freie Wille!
 
      
 
An einem meiner letzten Besuche bei ihr, sagte sie völlig überraschend zu mir: „Ich sage Ihnen jetzt was, lieber Herr Paul: Sie waren für mich in den wenigen Monaten die wir uns kannten ein Vertrauter. Ich konnte Ihnen mein innerstes Geheimnis anvertrauen. Ich habe vieles Erfahren und vieles Durchleiden müssen. Aber ich trage eine Kraft in mir, die mich das alles ertragen lässt. In dem Moment meines Todes, werde ich Ihnen diese Kraft schenken!“ Vergessen wir uns einander nie!!
 
Ihr könnt genauso gut erwarten, dass die Flüsse rückwärts fließen, als dass ein Mensch, der frei geboren wurde, damit zufrieden ist, eingepfercht zu leben, ohne Freiheit, zu gehen, wohin er beliebt!"
Chief Joseph (Nez Percé),                                                    
 
 
 
 

Herbert W.

(Oder „Das Bildnis des Dorian Gray“)

 
Der Hinweis auf den Roman von Oskar Wilde im Untertitel der Geschichte um Herbert ist zwar möglicherweise etwas weit hergeholt, hat aber Züge der Geschichte um den schönen Dorian.
 
Es geht dabei um einen mir seit vielen Jahren Bekannten der plötzlich und völlig unerwartet an einem äußerst aggressiven Krebs und AIDS erkrankte. Ich hatte zu der Zeit LWP gerade gegründet und Herbert sowie ein ihm sehr nahe stehender Freund baten mich seine Pflege zuhause zu übernehmen.
 
Wir unterhielten uns lange über das was vor uns lag und welche Hilfsmittel wir alles benötigten, damit Herbert ein leidvoller Tod erspart bleiben könne. Herbert war in diesen Fragen zugänglich und wollte nicht, dass sein Sterben müssen, dass inzwischen allen klar war, tabuisiert würde.
 
Wie gesagt hatte ich gerade angefangen mit LWP und eines Tages geschah es, dass ein junger Krankenpfleger zu mir ins Büro kam weil er sich um einen Minijob bewerben wollte. Um „Ja“ zu sagen musste ich nicht lange überlegen. Ich sah diesen jungen Krankenpfleger den ich bezugshalber hier „Dorian“ nennen möchte seine Proffesionalität sofort an, aber ich fühlte auch gleichzeitig, dass dieser Mensch etwas ganz besonderes war.
 
Nach einigen Tagen rief ich Dorian an und sagte ihm das ich ihn gerne einstellen würde. Ich erzählte ihm bei einer Gelegenheit von Herbert und fragte ihn, ob er mir helfen würde, Herbert bis zum Schluss zu pflegen.
 
 
An einem Nachmittag besuchten wir schließlich zusammen Herbert und ich bemerkte sofort wie seine Augen bei Dorians Anblick leuchteten und gleichermaßen sofort eine tiefe Sympathie von Herbert gegenüber Dorian ausging. Vielleicht war es mehr?
 
 
Nicht nur das Dorian dem Romanhelden des Oscar Wilde äußerlich nahe kam, nein er hatte eine Art mit Menschen umzugehen die es jedem leicht machte ihn zu lieben. Seine wertvollsten Eigenschaften waren seine hohe und spürbare Fachlichkeit und sein offenes Herz, dessen man sich kaum entziehen konnte. Gleichwohl hatte dieser „Dorian“ auch eine andere Seite, die die soll hier nicht das Thema sein.
 
Dorian tat Herbert gut. Man spürte das, denn immer wenn er in seiner Nähe war, fühlte sich Herbert ein kleines bisschen besser. Er wusch ihn, er bettete ihn, er lagerte ihn, er machte dann und wann kleine Späße mit ihm und Herbert konnte trotz seines Leidens Lachen!! Ja sie lachten oft miteinander, obwohl es allen anderen herum oft nicht zum Lachen war.
 
 
Ich glaube, Herbert hatte sich in seinem letzten Tagen noch einmal verlieben dürfen! Welch ein wunderbares Geschenk!
 
Dorian und ich sprachen oft darüber und er fand es gut so. Als Herbert starb, war Dorian kurz zuvor bei ihm. Er hielt seine Hände, wischte seine verschwitzte Stirn. Dann gab Dorian ihm einen Kuß auf die Stirn (das tat er übrigens öfters), wobei sich Herbert- wohl in einem für ihn starken Kraftakt- noch einmal zu Dorian aufrichtete und Dorian verabschiedete sich von Herbert. Wenige Stunden später starb Herbert.
 
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Manfred F.
 
Manfred F., etwa um die 50 herum, wirkte bei meinem Besuch in der Klinik voller Lebensmut du Pläne. Abgefunden mit dem möglicherweise nahen Tod hatte er sich nicht. Er kämpfte gegen den Krebs. Ein inoperables und nach außen wachsendes, deutlich hervortretendes Trachealcarzinom begann langsam aber stetig ihm die Luft zu nehmen und das Atmen zu erschweren.
 
Ich versorgte ihn mit parenteral mit Flüssignahrung, eine Schmerzpumpe bedienste er meistens selbst, mir einigen Ausnahmen der Schwäche, hervorgerufen durch den Krebs. Manfred war in seinem Häuserblock vor allen bei vielen Jugendlichen sehr beliebt. Sie spürten das er sozialen Kontakt brauchten und kamen öfter zum Kartenspielen. „weist Du“, sagte er einmal zu mir, „die kommen mich gerne besuchen, weil sie bei mir Dinge machen dürfen, die sie zuhause nicht dürfen. Aber sie helfen mir auch. Gehen manchmal was einkaufen und kriegen dann auch mal ne Schachtel Zigaretten. .Außerdem sie tun mir gut.“ Es waren so Jungs von nebenan, meist Jugendliche so um die 18-20 aus anderen Etnien. Oft wenn ich da war spielten sie Karten. Es machte Ihnen nichts aus das ich Manfred an den Port hing ihn spritzte oder ähnliches. Einfache Burschen von nebenan, mit viel Gespür für einen Menschen, von dem sie wussten, der er sehr schwer krank war. Das hat mich immer wieder beeindruckt.
 
Manfred war sehr selbstbestimmt. Einfach an sich rumwerkeln lassen, tolerierte er nicht und auch kein „Sie müssen aber!“ Meinem Rat folgte er immer. Wir sind erst nach einpaar Wochen zum Du übergegangen. Der Altersunterschied trennte uns nicht so arg. Außer dem hatten wir ein spürbares Verrauensverhältnis.
 
 
 
Ich vergesse nie, dass er einer von jenen meiner Patienten war, die sich noch ein letztes Ziel gesetzt hatten. Es surfte leidenschaftlich im Internet, aber erleben – im wahrsten Sinne des Wortes – wollte er noch die Olympischen Spiele in Peking.
 
                                                                                             
 
 
Er war ein großer Sportfan und das war sein Ziel. Einige Male fand ich ihn zuhause vor und glaubte dass er diesen Zustand nicht mehr überleben würde. Dann aber wieder stabilisierte er sich und konnte zuhause weiterleben. Bis zu seinem letzten Zusammenbruch. Inder Klinik wurde Manfred dann klar, dass er eine rund um Versorgung brauche. So entschied er sich seine letzte Zeit, wie lange die auch immer noch dauern würde, in einem Hospiz zu verbringen. Ich habe ihn dort einpaar Mal besucht. Im Februar, dann starb Manfred.
 
 
Es war ihm leider nicht mehr vergönnt seinen Traum von der Entzündung der Olympischen Flamme, um die ja zurzeit so heftig gestritten wird, und die sportlichen Ereignisse die Olympiade noch einmal miterleben zu können.
 
 
 

 Wat Pa Luangta Bua,  das buddhistische Mönchkloster in Thailand:

"auch der Tiger kann die hohe Stufe der Erleuchtung erreichen"

ILD

 
 
 
 
 
 
 
 
Copyright Walter Curkovic-Paul 2008
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

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